Der Kapitalismus – fehlerhaft systemisch.

Wahrhaftig. Systemisch.

Der Kapitalismus ist ein System. Das System des Wettbewerbs. Angefangen bei unseren Vorfahren vor Jahrtausenden, die Felle gegen Edelsteine tauschten. Oder so ähnlich. Später dann die Industrialisierung, mittlerweile ist der Kapitalismus zur globalen Maxime geworden. Kein Staat kann sich diesem Weltsystem entziehen – nicht einmal das zwar demokratiefeindliche, doch lediglich pseudokommunistische China. Längst trägt man in Peking unter der Parteiuniform Armani.

Ein System also. Menschengemacht, menschengeformt. Die Meisten halten es für alternativlos, für das beste funktionierende System, für die einzige Möglichkeit eine Beteiligung Vieler zu gewährleisten. Die Frage nach Gegenentwürfen? Soll hier gar nicht behandelt werden. Im Zweifel führt die Diskussion ohnehin nur in die Marxismus-Sackgasse und endet mit der Phrase: „In der Theorie das beste Modell, doch praktisch schlichtweg nicht umsetzbar.“

In diese Kerbe soll hier nicht gehauen werden. Viel essentieller ist die Feststellung: Der Kapitalismus ist ein System, obendrein ein menschliches – was auch sonst?

Wie aber soll ein vom menschlichen Verstand geschaffenes, von menschlichem Handeln umgesetztes System allumfassend wirken, ja allen und allem gerecht werden?

Die Frage ist so rhetorisch wie sie nur sein kann. Dieses System wird nicht aufgrund seiner Eigenart, sondern allein aufgrund seines systemischen Charakters niemals dazu in der Lage sein, für einen gesellschaftlichen Ausgleich zu sorgen.

Jedes System hat seine Grundzüge, man benötigt gewisse Qualitäten und Qualifikationen, um in ihm voran zu kommen. Manche Talente werden über alle Maßen gefördert, andere werden als unnütz angesehen.

Im Endeffekt führt die Systemisierung zu einer Vereinfachung der menschlichen Lebenswelt. Die Facetten werden verringert, bestimmte ausgewählte Faktoren werden in den Vordergrund gestellt.

Das ehrgeizige aufstrebende Akademikerkind mit den enstprechenden Kontakten und Umgangsformen gehört zu den Profiteuren, der verträumte emotionale Künstlertyp, dem das Materielle lediglich unnötiges Beiwerk ist, fällt aus dem systemischen Raster. Menschliche Fähigkeiten werden auf ihre systemische Nutzbarkeit hin untersucht und im Rahmen einer langfristigen gesellschaftlichen Entwicklung teilweise auch dahingehend komprimiert.

Sicherlich, eine funktionierende Gesellschaft benötigt gewisse Strukturen und Institutionen, die für ein gewisses Maß an Ordnung und Gerechtigkeit sorgen. Eine Art von System ist somit unumgänglich.

Doch eines sollte dem aufmerksamen Beobachter des 21. Jahrhunderts nicht verschlossen bleiben: Diejenigen Tätigkeiten, die gesellschaftlichen Respekt und materiellen Reichtum mit sich bringen, haben im Kontext der komplexen menschlichen Lebenswelt eine sehr viel geringere Bedeutung als im System selbst.

Als Teil der systemischen Struktur sollte man daher unbedingt den Respekt vor anderen Formen menschlicher Selbstverwirklichung wahren. Nimmt man die Perspektive des Lebens als Ganzes zur Hilfe, wird klar: Nur weil der Dax-Vorstand innerhalb des Systems zu den Gewinnern gehört, heißt dies nicht, dass er dem HartzIV-Empfänger seinen Alltag diktieren kann.

Das moderne marktwirtschaftliche System befördert gewisse Qualitäten und Qualifikationen, bestimmte Berufsarten und Charakterzüge. Bei der Auswahl war keine höhere Macht am Werk, es handelt sich um menschliche Machart. Dies möge bei aller Bewunderung der menschlichen Evolutionsgeschichte nicht vergessen werden.

Demut angesichts der Beschränktheit der menschlichen Schaffenskraft. Besonders im Hinblick auf das von uns geschaffene Wirtschaftssystem ist diese angebracht.