Diaspora vs. Facebook – Kampf gegen die Gigantomanie des Marktes?

Das Online-Netzwerk Facebook stand zuletzt angesichts seiner benutzerunfreundlichen Datenschutz-Strategie massiv in der Kritik. Die vier New Yorker Studenten Daniel Grippi, Maxwell Salzberg, Raphael Sofaer und Ilya Zhitomirskiy hingegen, verfolgen mit ihrem Programm ‚Diaspora‘ nun einen neuen Ansatz: Über ein P2P-Netzwerk soll den Anwendern ermöglicht werden, ihre auf dem eigenen Server hinterlegten Daten für Andere sichtbar zu machen. Videos, Fotos und sonstige Veröffentlichungen bleiben in der Hand des Nutzers. Auf diese Weise erlangt der Einzelne wieder die Kontrolle über die von ihm veröffentlichten Inhalte, ein Missbrauch, z.B. in Form der Weitergabe an Dritte, ist ausgeschlossen.

Facebook, das ursprünglich ebenfalls als studentisches Projekt – des Harvard-Absolventen Mark Zuckerberg – startete, hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung genommen. Derzeit nutzen weltweit über 400 Millionen Menschen die Seite, bereits Anfang 2008 wurde das Unternehmen mit 15 Mrd. US $ bewertet. Anders als bei der geplanten Diaspora-Plattform vorgesehen, speichert Facebook die Daten seiner Nutzer nach wie vor zentral.

Zudem behält sich das Netzwerk vor, über die Daten der Anwender frei zu verfügen. Ideeler Hintergrund der ‚Datengier‚ ist dabei Zuckerbergs Vision der „Personalisierung“ der Internetnutzung. So könnten Dienste wie Facebook nach Zuckerbergs Idee zunächst umfassende Informationen über das Nutzungsverhalten der einzelnen Anwender sammeln, um diese später gewinnbringend an Betreiber anderer Seiten weiterzureichen. Diesen würde der Erkenntnisgewinn anhand der Datensätze schließlich ermöglichen, ihre Angebote auf den einzelnen Anwender zuzuschneiden. Der User fände auf den individualisierten Seiten also keinen allgemeinen, sondern einen für ihn persönlich bestimmten Content vor.

Sicherlich würde so eine Praxis die Möglichkeit einer schnelleren, auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnittene Nutzung bieten. Doch um welchen Preis? Lebt nicht das Internet von der allgemeinen Zugänglichkeit aller seiner Quellen?

Neben diesen Fragen, wirft das Zuckerberg’sche Tellerwäscher-Märchen jedoch weitere Fragen auf. Was treibt einen jungen Mann, den ‚jüngsten Millärdär der Welt‚, zu einer solchen Unternehmensstrategie?

Die Vision vom „personalisierten Internet“? Gewissermaßen eine persönliche Verpflichtung? Mark Zuckerberg mit dem Auftrag, sein Evangelium zu verbreiten? Wohl eher nicht. Denn wer gewinnt nach seiner Idee in erster Linie? Er selbst, der Einzelne? Nein. Antwort: der Markt, der Zugriff erhält auf die Privatsphäre seiner Teilnehmer und sich schleichend einen neuen Einflussbereich erarbeitet.

Sicherlich, Zuckerberg wird das liebe Geld locken. Doch hat er davon nicht bereits mehr als genug? Sein Vermögen wird derzeit auf etwa 4 Mrd. US-$ geschätzt. Abgesehen davon: Ist es nicht bereits eine beachtliche Leistung, das größte soziale Netzwerk der Welt aufzubauen? So beachtlich, dass man sich getrost anderen Aufgaben widmen könnte? Oder den ‚Dienst‘ in seinem ursprünglichen Sinn verstehen und ihn als kostenlose Kommunikationsplattform in den Dienst der globalen Gemeinschaft stellen könnte?

Doch richten wir diese Fragen ein wenig anders formuliert einmal an das ‚moderne Unternehmertum‘: Wann erreicht ein Unternehmen einen Punkt des Innehaltens? Welche Faktoren indizieren, dass es die maximale Größe erreicht hat? Wo liegt die Wachstumsgrenze? Wann ist das Maß voll, wann sind die Zielvorgaben erfüllt?

Eines wird augenscheinlich: Als junger moderner Unternehmer kann Mark Zuckerberg die Antworten auf all diese Fragen nicht kennen. Weil weder er selbst noch einer seiner Kollegen sie sich jemals stellen würden. Aus Alternativlosigkeit bleibt ihm nichts anderes übrig als nach Handbuch zu verfahren und weiterzumachen. Das moderne marktwirtschaftliche System kennt nur die goldene Regel des Maximalen: maximale Ausbreitung, maximaler Profit, notfalls durch maximale Skrupellosigkeit und Ausbeutung.

Das Beispiel Facebook also zeigt: Im Kapitalismus des jungen 21. Jahrhunderts gilt einzig das Prinzip der Maximalität. Das einzelne Unternehmen strebt mangels alternativer systemtheoretischer Ansätze die maximale Marktposition an. Um welchen Preis das geschieht, ist marktwirtschaftlich irrelevant. Ein systemischer Fehler, der Ideen vernichtet – auch die Idee vom Internet als einem ‚open space‘ fällt ihm allmählich zum Opfer. In diesem System kann er also gar nicht anders, der gute Mark.

Nun also Diaspora. Wieder einmal scheint der Idealismus zurückzuschlagen, sich dem großen mächtigen System in den Weg zu stellen. Wie das Projekt enden wird? Das dürfte von den vier Jungs und ihrer Widerstandsfähigkeit gegen die übergreifende Gigantomanie des Marktes abhängen. Man kann ihnen angesichts der im Geldregen dahin schmelzenden Zuckerberge auf dieser Welt nur viel Glück wünschen.

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