Die Mitte der Gesellschaft – die Demonstranten von morgen?


Kriegsszene? Gasangriff? Armageddon? Ausschnitt aus dem neuen M.I.A. Video von Romain Gavras?

Alles möglich, nichts zutreffend. Der junge Mann, den wir auf diesem Foto sehen, kämpft. Er hält die rote Fahne der Sozialisten in der Hand. Wir sehen griechische Szenen aus dem Jahre 2010.  Der Protest scheint ein anderer geworden zu sein.

Gewöhnt hatten wir uns an die üblichen Ausschreitungen bei G8-Gipfeln, Mai-Kundgebungen und Atomtransporten. Wir nahmen medial Anteil an den Auseinandersetzungen zwischen Links und Rechts, der Antifa und den Jungen Nationalen, dem Schwarzen Block und den Elite-Polizeieinheiten des bayerischen USK. Oftmals gab es handfeste Konflikte, 2001 starb in Genua ein Aktivist durch die Kugel eines überforderten italienischen Polizisten.

Seite an Seite standen diese ‚Krawallmacher‘ mit vielen friedlichen Demonstranten, deren Protest zumeist darauf abzielte, auf allzu verwerfliche Auswüchse des globalen Kapitalismus aufmerksam zu machen. Die Regierungschefs und Umweltminister dieser Welt sollten dazu bewegt werden, dem Marktradikalismus Einhalt zu gebieten, den vielerorts notleidenen Menschen und der angeschlagenen Umwelt zuliebe. Dies suchte man in erster Linie durch Medienpräsenz und damit verbundenes Wachrütteln zu erreichen. Die Wut, die sich in gewalttätigen Aktionen bisweilen zeigte, war zumeist Ausdruck des Unmuts der wenigen aggressiven Gruppierungen und nicht repräsentativ für die Mehrheit der Demonstranten.

Nun also Griechenland. Ein Staat vor der Pleite, dem Ausverkauf, der Insolvenz. Ein aufgeblähter Verwaltungsapparat, Korruption und Steuerhinterziehung aller Orten. Die Aufnahme in die Eurozone? Konsequenz eines dreisten Vorgangs, der den Tatbestand des Betrugs erfüllt. Die Politik im Land von Platon und Aristoteles scheint sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten wenig mit den Staatstheorien der beiden großen Denker der Menschheitsgeschichte befasst zu haben.

Hellas steht sinnbildlich einerseits für das Versagen der Politik, andererseits für die Erbarmungslosigkeit des Marktes. Ja, gewiss, es gab massive Verfehlungen in der griechischen Politik. Doch rechtfertigt dies die globale Spekulation auf den Untergang eines Staates, welche die Eurozone derart bedroht, dass die EU-Regierungschefs in einer sonntagabendlichen Notfallsitzung einen ‚Rettungsschirm‘ mit einem Volumen von 750 Mrd. € aufspannen müssen, um das Ende der europäischen Gemeinschaftswährung zu verhindern? Kann es wirklich sein, dass den Ratingagenturen und Investmentbanken das Feld überlassen, der Staat zu einem der vielen ‚Player‘ am ‚größten Pokertisch aller Zeiten‘ degradiert wird?

Die Antwort der griechischen Bevölkerung auf diese Fragen dürfte nicht schwer zu erraten sein. Und hier sieht man den Unterschied zu den Protesten, wie wir sie in ihrer bisherigen Form kennen gelernt haben: Die Bilder aus Athen zeigen, dass sich die Demonstranten nicht mehr aus vornehmlich linken Gruppen oder Alt-68ern zusammensetzen. Der griechische Protest zeigt eine neue Qualität. Er ist das Aufbegehren eines Volkes gegen die Verwerfungen der griechischen Politik und gegen die Zugrunderichtung des Landes durch internationale Finanzspekulation. Mit den zunehmenden Verfehlungen des modernen Systems erhöht sich auch die Intensität der Proteste. Solidarität im Widerstand.


Widerstand nicht nur gegen politische Kräfte, sondern gegen alles und jeden, der sich rücksichtslos des Systems bedient, der an sein eigenes Fortkommen mehr als an das der Gemeinschaft denkt. In der ernsten Stunde wird offenbar, was so lange im verborgenen lag: Die Gewinnsucht des Einzelnen, ausgelebt durch Steuerhinterziehung, Korruption und Finanspekulation gefährdet das Wohl der Gemeinschaft. Eine solche Situation barg schon immer die Gefahr in ausufernde Gewalt zu münden – und sie tut es auch heute.

Der schreckliche Tod dreier Bankangestellter in Athen in der vergangenen Woche könnte somit nur der Auftakt gewesen sein. Der Auftakt zu einem Kampf zwischen Nutznießern und Benachteiligten des Systems, zwischen Elite und Masse, zwischen Reich und Arm.

Neben den vielen technischen Details, die es im Zuge der Bewältigung der Weltwirtschaftskrise noch zu klären gibt, sollte sich die Politik daher in erster Linie grundlegende Frage stellen: Was für eine Art von Gesellschaft wollen wir schaffen, welche Elemente sind es wert, erhalten zu werden und auf welche können wir getrost verzichten? Was kann getan werden, um bei jedem Bäcker und Banker wieder ein Bewusstsein für die gemeinschaftliche Verantwortung zu schaffen, die ein jeder für das Staatswohl trägt? Kurzum: Wie schaffen wir eine gesellschaftliche Klammer, die den modernen Staat vor dem Kollaps bewahrt?

Fragen, die uns alle betreffen werden und von deren Beantwortung nicht nur die Zukunft der ‚friedlichen Protestkultur‘ des 21. Jahrhunderts abhängen könnte.

Advertisements

3 Gedanken zu “Die Mitte der Gesellschaft – die Demonstranten von morgen?

  1. Pingback: Von Funken und Rauchsäulen – In Hamburg zünden sie wieder Autos an | Sehstaerke.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s